Fünfte Etappe
Fünfte Etappe von Ventspils (Lettland) nach Pärnu (Estland)
117 Seemeilen vom 01.08.2007 bis 02.08.2007
Der „Frühstücks Direktor“ und seine Crew geraten in bewegtes Fahrtwasser
Der „Frühstücks Direktor“ und seine Crew geraten in bewegtes Fahrtwasser
Wegen eines Mastbau-Fehlers muss die Vermessung korrigiert werden. Einige Konkurrenten wittern Betrug und protestieren. Aus der letzten Etappe wird ein Spießrutenlauf mit anschließender Protestverhandlung.
Entspannter ließe sich eigentlich eine Wettfahrt nicht angehen. Der „Frühstücks Direktor“ liegt sowohl in seiner Klasse als auch in der Gesamtwertung uneinholbar in Front. Das heißt, egal, welche Platzierung wir auf dem letzten Abschnitt erreichen, wir werden gewinnen, denn das letzte Ergebnis kann den Regeln entsprechend gestrichen werden. Es sollte jedoch anders kommen.
Zwei Stunden vor der Preisverteilung am 31. 7. abends bringt ein Telefonanruf von Wettfahrtleiter Alan Green die schon ausgelassene Stimmung der Crew ins Wanken.
Er habe, so Green, sich das Boot, das vor dem Wettfahrtbüro liegt, noch einmal angesehen und festgestellt, es gäbe ein Gennacker-Toppfall, dass im Messbrief so nicht erkennbar sei. Das leuchtend rote Fall ist für jedermann sichtbar und die Position des Gennakers im Topp seit dem ersten Renntag auch, erklären wir ihm. Wir haben das Boot kurz vor dem Rennen so übernommen, das Rigg sei nach den Vorgaben der Designers und Segelmacher so gebaut worden. Der Messbrief entsprechend auch nach Eingaben der Segel- und Riggabmessungen sowie nach dem Wiegen des Schiffes erstellt worden.
Wir verabreden uns dann zu einem Treffen an Bord.
Ein kurzes Telefonat mit dem Konstrukteur Fietje Judel von Judel/Vrolijk & Co in Bremerhaven klärt die Sachlage: Der Austritt des Gennackerfalls im Rigg liegt im Topp und entspricht damit den Konstruktionsvorgaben nicht. Er ist um 50 Zentimeter zu hoch. Der „Frühstücks Direktor“ segelt somit mit einem inkorrektem Messbrief. Rumms, das saß.
Wir waren uns darüber nicht in Klaren. Die extrem kurze Vorbereitungszeit ließ nur einen kurzen Segelcheck zu und dann musste der „Frühstücks Direktor“ schon nach Kopenhagen zum Start überführt werden.
Das erklären wir so Wettfahrtleiter Green. Der ist ein ruhiger Mann, der über viele Jahre die Geschicke des englischen Royal Ocean Racing Clubs professioneller gelenkt hat. Er akzeptiert zunächst unsere Erklärung und wir versprechen, schnellstmöglich einen korrigierten Messbrief zu beschaffen. Glücklicherweise ist Chefvermesser Boris Hepp noch im Hamburger DSV-Office zu erreichen.
Hepp korrigiert die höhere Position des Falls und übermittelt dann Green einen neuen Messbrief. Das dauert gerade mal 30 Minuten. Um ganze 0,7 Sekunden ändert sich der ORC-Club-Rennwert. Von 586.8 Sekunden pro Seemeile auf 586,1. Alan Green bezeichnet unser Problem angesichts der minimalen Veränderung als „einen Fehler, der passiert.“
Das Rückrechnen aller vier bisher gesegelt Etappen mit dem größeren (schnelleren) Rennwert bringt im Klassement absolut keine Veränderungen der Platzierungen und nur minimale Korrekturen der Zeitabstände, weil wir alle Rennen mit großem Vorsprung für uns entschieden haben.
Als der „Frühstücks Direktor“ dann auf der Preisverteilung als Etappensieger und führende Yacht der Gesamtwertung ausgezeichnet wird, macht sich Unmut breit. Wir haben dafür durchaus Verständnis. Für persönliche Angriffe allerdings nicht.
Man legt uns nahe, das Schiff aus der Wertung zu nehmen, unterstellt uns Betrug und Manipulation. Unschöne Beleidigungen, Drohungen und ein Kompromissvorschlag folgen, den man durchaus als Erpressungsversuch werten könnte. Die Stimmung der Crew ist im Keller.
Am nächsten Morgen, nachdem die Wettfahrtleitung am schwarzen Brett bekannt macht, dass sich der Rennwert des „Frühstücks Direktor“ verändert hat, man das jedoch als Korrektur eines Fehler akzeptiert, werden von fünf Yachten gemeinsam 3 Proteste eingereicht, die im Zielhafen Pärnü/Estland vor einer internationalen Jury verhandelt werden sollen.
Mit großer Motivation gehen wir mittags um Zwölf nicht an den Start, arbeiten nach zwei Frühstarts die knapp 120 Seemeilen konzentriert aber eher freudlos herunter. Nach kurzer Startkreuz und anschließendem 115 Seemeilen Vorwindgang kommen wir nachts gegen 03.00 Uhr als viertes Schiff ins Ziel, gewinnen erneut die Klassenwertung und werden Zweite im Gesamtfeld. Einen Freudentaumel über den erreichten Erfolg des Gesamtsieges in Klasse A und in der Über-Alles-Wertung gibt es angesichts der noch ausstehenden Protestverhandlung, die für den Abend angesetzt ist, nicht. Statt den Erfolg genießen zu können, müssen wir uns mit dem Protestformulierungen auseinandersetzen, hocken im Hotelzimmer, diskutieren und wälzen Wettsegelbestimmungen.
So sicher man in eine Protestverhandlung auch geht, das Ergebnis ist selten voraussehbar. Vor Gericht und auf See ist man, wie manch Betroffener schon erfahren konnte, bisweilen in Gottes Hand.
Was ist zu verhandeln?
Die Protestierenden verlangen von der Wettfahrtleitung, den „Frühstücks Direktor“ wegen des Startens mit einem neuen Messbrief innerhalb einer Serie auszuschließen, weil das laut Segelanweisungen nicht erlaubt ist. Man unterstellt uns als Crew zudem unfaires Verhalten und zweifelt die Daten des Messbriefes insgesamt an.
Dreieinhalb Stunden dauert die Verhandlung, dann das Ergebnis: Die Rennwert-Korrektur fällt mit 0,11 % Unterschied zum alten Rennwert so minimal aus, dass sie nach dem Regelwerk nicht zu einer Bestrafung oder gar zum Ausschluss führen darf. Bereits während der Anhörung ziehen die Protestgegner ihre Proteste wegen unfairen Verhaltens und gegen die Richtigkeit des Messbriefes zurück. Der „Frühstücks Direktor“ und wir als Crew sind in vollem Umfang und zu Recht rehabilitiert.
Die Preisverteilung im Kurhaus von Pärnü, einem stilvollen Seebad in Estland, wird dann zur „Frühstücks Direktor“-Show. Neben Gesamt- und Klassensieg bekommen wir auch noch den Sonderpokal für das schnellste Schiff über alle Etappen. Ein Erfolg, über den wir vor zwei Wochen beim Start in Kopenhagen nicht mal zu spekulieren gewagt hätten. Den Vorschlag von Sven Herlyn, Vorstand des Sponsors DnB Nord Bank, unseren größten Pokal zu füllen und ihn mit unseren Konkurrenten als Zeichen der Versöhnung zu trinken, befolgen wir gern. Die meisten haben mit uns angestoßen.
Am nächsten Morgen verwandeln wir den „Frühstücks Direktor“ zurück in eine Serienhanse 430e. Wir verpacken die North Regattagarderobe in handliche Pakete und verstauen sie in der Achterkajüte. Ebenso die gewonnenen Preise. Ein paar Strecker und Blöcke werden demontiert, fertig ist der schnelle Cruiser.
Und mit dem werden unsere Crew-Youngster „Jannemann“ Dabelstein und „Junior“ Jakobs inklusive Freundinnen nun über Gotland und Bornholm zurück in den Heimathafen Greifswald segeln. Die Mission „Frühstücks Direktor“ ist für uns zunächst beendet. Wir fliegen mit einem guten Gefühl nach Hause.
Unser Dank geht an HanseYachts AG, die uns das Boot zur Verfügung gestellt hat, an alle Mitarbeiter, die bei der Vorbereitung geholfen haben. An Fietje Judel von Judel/Vrolijk & Co für Rat und Tat beim Umbau des Bootes und die Abstimmung auf die Wetter-Gegebenheiten des Kurses von Kopenhagen nach Pärnu. Und last but not least an Jens Christensen von North Sails Dänemark für kluge Ratschlage und einen superschnellen A 3 Gennacker.
Die Crew der „Frühstücksdirektor“:
Jörn Bock, Ralph Moser, Nico Jeschonneck, Jörn Diercks, Timo Jakobs und der Bootkapitän und Bordchef Jan Dabelstein


